18.11.2009 Vielfältige Open Source
Eine Lawine ist ins Rollen gekommen
Mittwochabend ging die von der Stadt Wien und der Fachgruppe UBIT initiierte Veranstaltungsreihe „Was IT alles kann …“ in ihre dritte Runde. Im Tech Gate diskutierten namhafte Experten unter der Leitung von Ö1 Wissenschaftsredakteur Dr. Franz Zellner über Gegenwart und Zukunftschancen von Open Source Software. Mit Linux sei eine Lawine losgetreten worden, die nicht mehr zu stoppen sei.
Diese Veranstaltung stellte – anders als die anderen Veranstaltungen – nicht einen innovativen Anwendungsbereich vor sondern verwies auf die Potenziale einer kooperativen Vorgangsweise in diesen Bereichen. Etablierte Sektoren der Informationstechnologie werden von großen Konzernen und ihren Produkten dominiert. Dieser Rahmen existiert lokal nicht und kann auch nicht einfach hergestellt werden. Daher ist die Kooperation von vielen Know-How Trägern eine Erfolg versprechende Methode, bei der das Wissen und die Dienstleistungen im Vordergrund stehen.
Je nach Projektinhalt und je nach dem Ort der Anwendung werden nach dem aktuellen Bedarf zusammen gestellte Konsortien die Aufgabe am besten lösen. Für diese Bildung von flexiblen Konsortien ist eine einfache Wiederverwendung von Ergebnissen früherer Projekte besonders wichtig. Nur Open Source Verfahren sichern diese Flexibilität und den kontinuierlichen Aufbau von Kompetenzen für einen ganzen Standort. Der Programmcode und das Wissen werden einerseits geteilt und andererseits je nach Bedarf rekombiniert. So wird die Innovationsfähigkeit gefördert und entstehen bedarfsgerechte Lösungen.
Die Wiener IKT-Sprecherin und Landtagsabgeordnete Barbara Novak und Friedrich Kofler, Fachgruppenobmann der Fachgruppe Unternehmensberatung und Informationstechnologie (UBIT) der Wirtschaftskammer Wien betonten in ihren Eröffnungsstatements die große Bedeutung der IT für den Standort Wien: „Der Open Source Bewegung kommt in Wien große Bedeutung zu. Die Stadt Wien bietet seit dem Jahr 2005 ihren Mitarbeitern am Arbeitsplatz Open-Source-Alternativen zu bisher verwendeter proprietärer Software an“.Dazu gehören die Debian-Variante Wienux, OpenOffice.org statt MS Office und Firefox als Ersatz für den Internet Explorer. Die Magistratsabteilungen dürfen selbst wählen, welche Komponenten sie verwenden wollen. „Mit dem Förderprogramm ,Open Source für Wien‘ setzt die Stadt Wien erneut ein Zeichen“, so Novak. Bei diesem Call sind Wiener Unternehmen und Unternehmensgründer eingeladen ihre innovativen Open Source-Projekte und -Ideen zum Themenschwerpunkt "öffentliche Verwaltung" einzureichen (Einsendeschluss: 22. Dezember). „Rund ein Drittel der IT Unternehmen befassen sich bereits mit Open Source Software“, unterstrich Kofler die Bedeutung von Open Source Software für die IT Branche. „Mit Open Source Software lässt sich Geld verdienen – und Arbeitsplätze schaffen“.
„Nicht mit Erfindungen, sondern mit Verbesserungen macht man ein Vermögen", befand schon Henry Ford. Man kann ihn fast als Begründer der OpenSource Bewegung bezeichnen. Er ließ seine Erfindungen im Automobilbau zwar patentieren, stellte aber über 90 dieser Patente ohne Lizenzgebühren zu verlangen allen anderen Automobilbauern zu Verfügung. Im Gegenzug konnte er dafür über 500 Patente kostenfrei nutzen. Wissensaustausch der zu Innovation führt - ein Grundsatz der aktiv in der Open Souce Community gelebt wird. „Stellen Sie ich vor man hätte die Fußballregeln nie veröffentlicht. Ich bin sicher: Niemand würde heute Fußball spielen“.
Open Source Software (OSS) bedeutet mehr als das bekannte Betriebssystem Linux oder der Webbrowser Firefox, betonte Keynote-Speaker David Ayers, Unternehmer, Softwareentwickler und Mitglied der Open Source Experts Group der WKO. „Mittlerweile existiert ein breites Spektrum an ausgereiften Anwendungen für den Unternehmenseinsatz“. Dabei muss es sich nicht notwendigerweise um reine Open-Source-Lösungen handeln. In der Praxis gibt es auch Mischformen, in denen OSS mit proprietärer Software gebündelt angeboten werden. „Dass Open Source Lösungen beliebig austauschbar sind macht sie in komplexen IT-Lösungen besonders wertvoll“. Durch Open Source Software hat man nicht nur dauerhaften Zugriff auf die eigenen Daten. „Das bringt zusätzlich strategische Unabhängigkeit und die Freiheit den Anbieter wechseln zu können“, meint Ayers. Aber nicht nur private Unternehmen hätten den Vorteil erkannt. „Frankreich und Deutschland ist uns hier einen wesentlichen Schritt voraus. Denken Sie nur an das Linux Projekt in München“. Dass man mit Open Source auch Geld verdienen kann, belegte Ayers mit einigen aktuellen Beispielen aus der Praxis. „Da gibt es zB von Bluelink einen telefonischen Dolmetschdienst für Spitäler“. Diese Übersetzungshotline – insgesamt werden neun Sprachen von Türkisch über Kroatisch und Russisch bis hin zu Albanisch oder Persisch angeboten – ist rund um die Uhr erreichbar und liefert über professionelle, erfahrene Dolmetscher höchste Übersetzungsqualität.
Die Abrechnung erfolgt minutengenau und verspricht im Vergleich zu konventionellen Übersetzungsdiensten einen hohen Kostenvorteil bei Gesprächsdauern bis zu 20 Minuten. Auch die Vereinigung Österreichischer Wirtschaftstreuhänder setzt auf OpenSource. „LimeSoda hat da die Finanz trotz vielfacher Aufforderungen einen Zugang zu den eigenen Branchenauswertungen abgelehnt hat, für das Institut Österreichischer Steuerberater (IOS) mit eFinanz Control eine Datenbank entwickelt, die es den Wirtschaftstreuhänder ermöglicht, die Daten der elektronischen Steuererklärung in anonymisierter Form zu erfassen und für statistische Zwecke zur Verfügung zu haben“. Bei er Entwicklung von www.preisboxer.at einem Onlineshop für Elektronikartikel wurde von der TMMA Multimedia Agentur die Open Source Shoplösung xt:commerce Community Version herangezogen.
Im Anschluss stellte Alexandra Stoffl vom Verein zur Förderung von Open Source Technologien in Schulen und Universitäten das Projekt „Eleonore Digital“ vor. „Eleonore Digital" basiert auf einer Zusammenarbeit im Geschichte-, Informatik- und Zeichenunterricht und richtet sich an Schüler und Schülerinnen zwischen 14 und 19 Jahren in ganz Europa. Das Ziel dieses Projektes ist, dass Jugendliche gemeinsam mit Experten für Game Development eine 3D-Lernsoftware über das Leben der Eleonore von Aquitanien entwickeln. Zudem fördert das Projekt Innovationen im Bildungssektor durch die Etablierung von e-Learning,die Erstellung von e-Content für Unterrichtszwecke und nicht zuletzt durch die Förderung des Einsatzes von Open Source Lösungen im Bildungsbereich. „Eleonore Digital“ bietet Jugendlichen aber nicht nur die Chance des kostenlosen Erlernens von wichtigen IT-Zusatzkompetenzen, sondern „ermöglicht den kulturellen Austausch und die Vernetzung der Jugend Europas“. Auf der Projektplattform www.eleonore-digital.org erhalten Schulen aus ganz Europa die Möglichkeit, unabhängig von einer Teilnahme am Projekt, sich zu präsentieren.
„Open Source-Vormarsch ist nicht mehr zu stoppen“, meinte auch Gerhard Sternath, geschäftsführender Gesellschafter der LINBIT. Vor LINBIT sammelte Sternath Erfahrungen in leitenden Vertriebspositionen und als Geschäftsführer in IT-Unternehmen. Seit Gründung von LINBIT schafft Sternath jedes Jahr ein Umsatzwachstum in zweistelligen Bereich. Dabei setzt er verstärkt auf ein internationales Partner-Netz. LINBIT bietet Hochverfügbarkeitslösungen an die im Vergleich zu konventionellen Systemen um bis zu 90 Prozent günstiger sind. Zahlreiche große Unternehmen aus verschiedensten Branchen wissen diese Produkt- und Dienstleitungsqualität bereits sehr zu schätzten. So finden sich neben der Salinen Austria AG, die Siemens AG (Deutschland) oder die World Business Center Co.,Ltd, (Japan) auf der Kundenliste. „Täglich wird unsere kernkompetenz Hochverfügbarkeit übe 1000 mal installiert“.
Mit Linux sei eine Lawine ins Rollen gekommen. „Tausende Projekte rollen auf die Wirtschaft zu“. „LINBIT bewegt sich ausschließlich im Open Source- und Linux-Bereich. Und damit abseits von multinationalen Konzernstrategien und Abhängigkeiten. Die daraus resultierenden Vorteile kommen unseren Kunden direkt zugute“. Doch es sei nicht immer einfach das Management von den Vorteilen von Open Source zu überzeugen. „Der Widerstand von den eigenen Mitarbeitern ist nicht zu unterschätzen.“, berichtete Sternath aus der Praxis. „Mitarbeiter müssen motiviert werden umzulernen.“ Das Potential wäre vorhanden. Nach einer aktuellen Statistik über den Open Source Einsatz belegt Österreich Platz 27. „Das klingt ja auf en ersten Blick nicht schlecht. Aber wir liegen hinter Malaysia oder Singapur. Auf Platz 3 liegt Deutschland“.
Der Einsatz von Open Source habe auch ein enormes volkswirtschaftliche Potential. „Statt einer Überweisung für Software ins Ausland – pro Jahr werden für Lizenzen 1,1 Milliarden Euro zumeist an ausländische Gesellschaften bezahlt - schafft man mit Open Source Software nicht nur lokale Wertschöpfung, man unterstützt auch den Aufbau einer lokalen hochqualifizierten Softwarekompetenz. Dadurch könnte man viele Arbeitsplätze“, schloss Sternath. „Noch gibt es zu wenige Applikationen – doch die Lawine rollt“.
